Die Kolumne der SAfW D-CH

Am Tisch sitzen ein Angiologe, ein Psychiater, ein Chirurg und dreimal Beigemüse in Form der dazugehörigen Ehepartnerinnen. Die sind eher weniger das Gespräch. Die Herren frischen Erinnerungen aus gemeinsamen Zeiten auf, die Arbeitsbedingungen von damals werden heraufbeschworen, es ist wie es immer ist, wenn sich zwei oder – noch schlimmer - mehr Ärzt:innen treffen.
Ich geniesse das Essen, das Sein und die grandiose Aussicht. Ich erinnere mich an die Zeit, in der der Angiologe und ich am Universitätsspital gearbeitet haben. Jung, unbeschwert, lustig, bei gar nicht etwa zu viel Arbeit. Das gilt aber nur für mich, nicht für die anwesenden Ärzte, sie haben viel zu beklagen. In unzähligen Trainings habe ich gelernt, diese Gespräche dahinplätschern zu lassen, mich abzukapseln und nur am Rand aufzunehmen. Sie ähneln sich seit Jahren, ich kenne die Sätze, die Beispiele und die Ausschmückungen von vielen, vergleichbaren Abenden. Zu Beginn meiner Beziehung mit dem Chirurgen war es noch spannend in die Ärztewelt einzutauchen. Ich war ich ein wenig ehrfürchtig und sehr neugierig. Das legte sich schnell, weil die unhaltbaren Arbeitsbedingungen immer das eine und einzige Thema blieben. Nicht, dass ich diese bestreiten würde. Auf Grund deren Auswirkungen, waren wir Ehepartnerinnen herzlich eingeladen, uns ganz in die Familienarbeit zu geben, fanden wir doch in den Ehegatten keine verlässlichen Kinderbetreuer. Ich meine, zeitlich verlässlich, wohlverstanden. Dass sie jeweils nach stundenlangem Beklagen ihrer 200-prozentigen Arbeitszeiten, in einem Nebensatz anfügten, sie würden doch noch viel mit den Kindern unternehmen, konnte ich rein mathematisch nicht begreifen. Aber Mathe war nie meine Stärke. Wenn sie angaben, dass ihr Arbeitspensum 200 Prozent betrug, war ich folge dessen zu 200 Prozent mit den Kindern allein, an das hingegen erinnere ich mich gut. Ich ertrug meine damalige Rolle als Statistin am Tisch immer schlechter – mein Geltungsbedürfnis ist dafür zu gross - und langweilte mich jeweils ausgiebig. Die Ärzteeinladungen wurden mir zu einem Gräuel. Zur Autounterhaltung begann ich Frechheiten in die Runden zu werfen, sodass der Chirurg bald bedauert wurde, eine böse, scharfzüngige Frau zu haben. Aber es nützte nichts und brachte mich auch nicht weiter, das dominierende Thema blieb. Nach Jahren lehnte ich dann solche Treffen ab. Ich schlug vor, dass sich die bedauernswerten Geschöpfe allein trafen, um sich im gemeinsamen, schweren Los ungestört ausleben zu können. Der Chirurg akzeptierte das, konnte teilweise nachempfinden was mich störte, aber nicht ändern. Es gelang auch ihm nicht, die Gespräche in andere Richtungen zu lenken. Seine eigene Betroffenheit holte ihn immer wieder ein. Warum es damals üblich war, die Partner:innen immer dabei zu haben, denn von Interesse waren sie definitiv nicht, ist mir bis heute ein Rätsel. Warum ich das so lange ertrug, ebenfalls.
Ich war am besagten Abend in Zürich zuversichtlich, dass sich die Themen geändert haben könnten. In die Jahre gekommen, pensioniert, teilpensioniert oder nur noch freiwillig und selbstbestimmend berufstätig, stellte ich mir eine gewisse Entspannung und eine zufriedene Lebenssättigung vor. Alles erreicht, Haus, Ferienwohnung, Wohnmobil, wohlerzogene Kinder unter Dach und Fach. Aber nein. Vergangenes war immer noch omnipräsent, es wurde nicht nur erneut beklagt und wiederbelebt, es wurde – und das war jetzt neu - auch die Zukunft beklagt. Diese Jungen heute, kein Vergleich zur alten Garde, die noch wusste, was arbeiten heisst, die überlange Schichten pflichtbewusst absolvierte, unzählige Dienste leistete, kurze Ruhezeiten hatte und hohe Verantwortlichkeiten ertrug. Jetzt hingegen, wachse da tatsächlich eine Generation heran, die nach acht Stunden ihren Feierabend reklamiert. Die nur noch Teilzeit arbeitet, die familienkompatible Arbeitszeiten fordert, die nicht möglichst viel Geld verdienen will, sondern Arbeit und Freitzeit in Einklang zu bringen versucht. Ausgerechnet der Psychiater monierte, dass die Jungen jetzt durchdrehen, sie seien nicht mehr belastbar und lebenstüchtig. Versifft und verkifft. Dafür trinken sie weniger, dachte ich so nebenbei und begann mich aufzuregen. Ich gab zu bedenken, dass die Jungen vielleicht zu Recht durchdrehten, oder was er – wagte ich den Psychiater zu fragen - denn als Grund des „Durchdrehens“ der Jugend sieht. Ich würde ihm einen gewissen Selektionsbias zugestehen, so grosszügig bin ich. Leider antwortete er, dass sich die Erwerbstätigkeit beider Elternteile schlecht auf die Kinder auswirke. Eltern sollten mehr zu Hause sein, unschwer zu ahnen, dass mit Eltern vor allem die Frauen gemeint sind. Er blendete gerade aus, dass er auf Grund seiner vorher ausgeführten Arbeitszeiten auch nicht viel bei seinen Kindern gewesen sein konnte. Und dann, kam der Satz aller Sätze: «Früher war es besser». Bei weitem nicht gut, wie wir gerade hinlänglich dargelegt bekamen, aber immer noch besser. Das triggerte mich, das Beissholz, das mir der Chirurg unter dem Tisch in Form eines Tritts ans Schienbein übermittelte, ignorierte ich. Ich widersprach vehement und bekam glücklicherweise Hilfe vom Angiologen. Er weiss auch, dass wenn es unten fault, die Ursache weiter oben zu suchen ist. Ich verteidigte die Jugend, der Psychiater konnte nicht wissen, dass er einer meiner äusserst wunden Punkte getroffen hatte. Oder eigentlich deren zwei.
Ich ertrage es nicht, wenn ganze Generationen verurteilt und verunglimpft werden, wenn wir «Alten» uns aufbauschen und als besser bezeichnen, und eine ganze Generation – die wir notabene erzogen und begleitet haben – aburteilen. Ich würde erwarten, dass Menschen, die während Jahren unter einer unzumutbaren Arbeitslast gelitten haben, sich für die nächste Generation einsetzen, und grosses Verständnis für deren Aufbegehren haben sollten und sie unterstützen müssten. Mehr noch, sie sollten erfreut sein, über die Veränderung der nächsten Generation. Wer die Jugend beschimpft, ist alt geworden. Und die Berufstätigkeiten der Eltern als Ursache von allem Negativen anzuführen, traf meinen zweiten wunden Punkt.
Ein Bonmot meines Vaters kam mir in den Sinn: «Der Mensch hat noch nie etwas aus der Geschichte gelernt, auch aus seiner eigenen nicht. Vor allem nicht aus seiner eigenen» pflegte er zu sagen und meinte damit meistens mich.
Ich bin im Druck – zeitlich, beruflich, arbeitstechnisch, als Ehefrau, Mutter, Grossmutter und Freundin. Ich werde meinen eigenen Ansprüchen nicht mehrgerecht, ich verschiebe Treffen, meide Einladungen und Geselligkeit. Ich hinke allem hinterher, immer einen Schritt zu spät. Ich lege Nachtschichten und Wochenendarbeiten ein, entsage den Freuden des Lebens – ich komme trotzdem nicht nach. Wo kann ich Zeit einsparen, überlege ich. Ich war schon vor dem Erscheinen des Buches schön beschäftigt, war aber nicht gefasst auf die Terminflut, die zurzeit über mich rollt. Und dass, wenn man ein Buch schreibt, es anschliessend auch noch der halben Nation vorgelesen werden soll, darauf war ich nicht vorbereitet. Obwohl, es macht mir unglaublich Spass Lesungen zu halten, ich geniesse das Publikum, ich bade in dessen Wohlwollen. Ich freue mich, wenn die Menschen lachen und geniessen. Und ich bin unglaublich dankbar und berührt, dass mein Büchlein so viele Menschen anspricht und unterhält. Die Arbeit bei der Spitex gefällt mir auch ausserordentlich gut, da gibt es nichts zu reduzieren. Das Engagement bei der SAfW ist inspirierend und lehrreich – wie habe ich doch unlängst profitiert, als ich einen Workshop mit der Präsidentin vorbereiten durfte. Unterrichten ist eine gute Abwechslung, eben habe ich meine Klasse, mit den Diplomen in den Händen, verabschiedet. Ihre strahlenden Augen freuen mich sehr. Darauf kann ich unmöglich verzichten. Die ausserparlamentarischen Sitzungen sind dermassen spannend, da muss ich dabei sein. Einen Vortrag in Bremen am Deutschen Wundkongress zuhalten, ist speziell und schön, da lässt sich auch keine Zeit einsparen. Einen Drehtag mit dem 10 vor 10-Journalisten kann ich mir nicht entgehen lassen. Das zweitägige Interview mit der NZZ – ein Leckerbissen. Ein Interview mit dem Anzeiger von Saanen, das bin ich meinem Vater schuldig, den Tanzkurs dem Chirurgen. Die bittere Bilanz: alles selbstverschuldet, von und mit mir. Niemand ist schuld, ausser ich. Und dann ist da noch meine monatliche Kolumne – aufhören? Auf keinen Fall, jetzt wo es gerade so gut läuft. Beziehungsweise, leider gerade nicht läuft. Ich sitze zum letzten aller möglichen Zeitpunkte am Schreibtisch und weiss: ich muss jetzt eine Kolumne schreiben. Eine Flut von Ideen und Gedanken rauschen durch meinen Kopf, aber ich bekomme keinen zu fassen. Ich lasse mich ablenken, schiebe es vor mich her, der Druck nimmt zu, die leere Seite schaut mir vorwurfsvoll in die Augen, die Tastatur verlangt nach feinem Fingerspitzengefühl. Ich schliesse die Augen, konzentriere mich: nichts. Als ich sie wieder öffne, hat sich rein gar nichts verändert. Wie auch, für Veränderungen war ich noch immer selbst zuständig. So geht es nicht, sage ich zu mir, ich muss etwas gegen meine Hirnleere unternehmen. Ich beschliesse ein Reset.
Ich stelle meine Uhr ab, und ziehe sie zur Sicherheit auch noch aus. Ich fahre den Computer herunter und schalte das Smartphone aus. Das Festnetztelefon kann ich auf die Schnelle nicht ausschalten, also vergrabe ich es im Wohnzimmer unter einem Kissenberg, so dass es perfekt schallisoliert ist. Bei der Türklingel entferne ich die Batterien. So, jetzt bin ich offline, unerreichbar, unsichtbar und unhörbar. Unerhört schön und gut ist das.
Stillbeschäftigung nannte man das früher in der Schule. Und wir konnten das noch. Zwanzigmalstillbeschäftigt mit uns. Gibt es nicht mehr seit der Erfindung des Smartphones. Ich freue mich, nun werden die Gedanken und Ideen nur so auf mich einprasseln. Ich sitze am Schreibtisch, bin bereit und rede mir ein, mir selbstvollkommen zu genügen. Da fliegt eine Elster vorbei und hockt sich aufs Nachbardach. Ich lasse die Jalousien runter. Herrlich, ich bin eins mit dem Raum. Ich schliesse die Augen, denke mir die Gedanken näher, konzentriere mich: und wieder nichts. Nach dem Input kein Output. Ich versuche es noch einmal. Durch nichts mehr abgelenkt, lenke ich meine Gedanken in Richtung Kolumne, ich öffne die inneren Gedankenschleusen, alles fliesst durch, nichts bleibt hängen. Nur ich hänge, ich habe mich gedanklich aufgehängt. Ich möchte herunterfahren und Neustart drücken, das hilft beim Computer jeweils auch, wenn er sich aufhängt. Nur finde ich bei mir die entsprechende Tastenkombination nicht. Die Ideen wollen heute einfach nicht fliessen, mindestens nicht in mein Gehirn. Ich verharre an meinem Platz, erstarre und beharre: jetzt muss es geschehen. Ich versuche meinem Kopf einen Geistesblitz abzutrotzen. Alles, was mir in den Sinn kommt, ist, ob es wohl möglich ist, dass mir etwas zufliessen kann, wenn ich mich in der Bewegungslosigkeit befinde. Wenn ich mich in ein mentales Korsett zwänge? Sollte ich nicht beweglich bleiben, um im Fluss zu sein?
Ich beschliesse, im Haus auf und abzugehen, rauf und runter. Ich habe ein grosses Haus, das wird ergiebig, ermutige ich mich. Die Kurzzugbinde entwickelt ihren hohen Arbeitsdruck schliesslich auch erst bei der Bewegung, ich habe schon hohen Arbeitsdruck, ergo fehlt mir nur noch die Bewegung. Druck produziert bekanntlich Diamanten. An der Waschküche vorbeikommend, fällt mir ein, dass ich noch Wäsche aufzuhängen habe. Die Wäsche ist als einzige berechtigt, sich stundenlang aufzuhängen und zu hängen, ohne dass sie dabei gestört wird oder jemand reklamiert. Und während ich die Kleidungsstücke über die Leine werfe, denke ich, dass ich schon wieder irgendwie online bin. An der Leine. Und ich überlege, ob wohl schon ein einziges Mal, ein neuer, bahnbrechender, genialer, der weltverändernde Gedanke beim Wäscheaufhängen gedacht wurde. Von mir jedenfalls nicht, ich steige die Treppe wieder hoch. Ich könnte ja mal schauen, wieviel Zeit meiner inneren Klausur schonvergangen ist. Dafür muss ich eines meiner Geräte reaktivieren, was mir nur allzu recht ist.
Ich zücke das Smartphone und drücke lange auf die Seitentaste, da fällt mir die Backofenuhr ein. Nichts wie los in die Küche, ich wage nicht zu glauben, dass erst fünfzehn Minuten vergangen sind. Mir reichts. Einmal ist genug. Ich bin out – outgeputet. Ich schalte ein Gerät nach dem anderen wieder ein, willkommen zurück, sagen sie und freuen sich, mich zu sehen. Sie zwinkern mir zu, wie gute alte Freunde. Das leere Blatt im Word taucht wieder auf, mit der Frage, ob ich dort weiterfahren möchte, wo ich aufgehört habe, nämlich beim Nichts. Das gibt mir den Rest – ich ziehe meine Joggingsachen an und freue mich auf eine Runde Bewegung. Ich werde alles geben, alles aus mir herauspressen, den inneren Schweinehund – wenn er schon nicht zu Gedanken zu bewegen ist - niederringen, besiegen und erledigen. Ich werde es mir und allen anderen zeigen und mit einer grossartigen Idee zurückkommen. Das verspreche ich mir.
Uhr einstellen auf «Training Laufen», und los. Leichtfüssig trabe ich die Einfahrt runter, auf Höhe Briefkasten passiert es. Ein Gedankenblitz trifft mich aus heiter hellem Himmel. Warum schreibe ich eigentlich nicht auf, was ich soeben durchgemacht habe? Warum sollen die Leser:innen nicht merken, dass die wunden Punkte nicht alle aus dem Ärmel geschüttelt werden können? Und aus dem Kopf schon gar nicht. Man kann nichts rausschütteln, wo nichts drin ist. Ich gehe zurück in mein Büro. «Training angehalten», sagt meine Uhr, als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze. Das mag sein, jetzt sind die Finger im Training. Sie tippen, was mir mein Gehirn diktiert, ein Hochleistungssport der anderen Art. Binnen null Komma nichts ist der Text fertig. Zufrieden lehne ich mich zurück. Geschafft! Senden ans SAfW Sekretariat. «Training beendet», sagt die Uhr, «zurückgelegte Distanz: 25 Meter. Zeitaufzustehen und eine Minute bewegen. Noch kannst du es schaffen».
Vor meinem anstehenden Einsatz atme ich tief aus – und noch tiefer ein. Ich muss mich aufs Kommende wappnen, und versuche eine Reserveportion Sauerstoff in meinen Lungen zu speichern und ziehe die Maske hoch. Bevor steht mir ein Einsatz, in einer Wohnung in einem Block aus den siebziger Jahren. Schon nur das Treppenhaus strahlt den Charme der vergangenen Zeiten aus. Ich mag diese Treppenhäuser sehr, dieser schwarz-weiss gesprenkelte Boden, das gummierte, schmale Geländer. Ich mag es, mit der Hand darüber zu streichen. Sogar der Geruch ist in diesen Treppenhäusern immer derselbe. Es katapultiert mich zurück in meine Kinderzeit, Erinnerungen an vergangene Tage werden wach. Dass mich in der Wohnung im Eingang ein grün-gelber Linoleumtraum erwartet, ist Programm. Dass die Wohnung proppenvoll und vollkommen verraucht ist, irgendwie auch. Die ehemals weissen Vorhänge haben den Braunton der Fensterrahmen angenommen, die Teppiche sind farblich nicht mehr einzuordnen. Souvenirs von vergangenen Reisen, in vergangene Länder zieren die Wohnwand und sind dank der dicken Staubschicht eins mit ihr geworden. Die Bewohnenden sehe ich buchstäblich nur durch eine dicke Rauchschwade, es sind mehr die Konturen von ihnen, die ich erahne. Ich quere rasch das Wohnzimmer, öffne die Balkontüre, es wird augenblicklich kalt. Das Ehepaar erträgt dies mit stoischer Ruhe, sie wissen, dass sie nichts dagegen sagen dürfen. Der schwarze Aschenbecher, der sich mit Druck auf den Stempel öffnen lassen würde, wenn er nicht bereits mit Zigarettenstummeln überfüllt wäre, und darum gar nicht geschlossen sein kann, passt prima in dieses Szenario. Auch beim Ehepaar selbst, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie trägt einen Wolljupe und einen Pullover, darüber eine Küchenschürze mit Bauchtasche. Daraus ragt ein stoffiger Nasenlumpen, der sich farblich prächtig in diese Wohnung einfügt. Die beiden Sofas verraten mir, wo ihre Besitzer seit dreissig Jahren zu sitzen pflegen. Der Mann passt ebenfalls hervorragend in dieses Szenario, sein Pullover erzählt von hunderten von Waschgängen in allen Temperaturen, zusammen mit allen anderen Farbtönen.
Ich grüsse die Beiden fröhlich, ich möchte hier wenigstens gute Stimmung verbreiten, wenn schon dicke Luft herrscht. Sie grüsst zurück, er gibt einen Laut von sich, der als Mischung zwischen Grunzen und dem Befördern von Schleim aus dem Hals wahrgenommen werden kann. Er schaut mich finster an und spiegelt mir meine Unerwünschtheit. Es scheint, dass er sich vor langer Zeit von jeder möglichen Freude verabschiedet hat, irgendwie hat er wohl beschlossen, alles in seinem Leben schlecht zu finden. Dieser Überzeugung ist er seither treu geblieben.
Auf dem übervollen Salontisch liegt eine Zeitung, mein Bild auf der Titelseite. „Heute schon Zeitung gelesen?“, frage ich listig. Der Grunzlaut wiederholt sich, ergänzt mit einem: „Nur Scheissdreck steht darin“. „Heeee“, sage ich, „es steht doch bestimmt auch etwas Schlaues drin, zum Beispiel dieser Artikel hier“. Ich deute auf mein Porträt mit Buchvorstellung. „Interessiert mich nicht“, schnauzt er. Ich lasse nicht locker, ich zeige auf mein Bild. „Aber die da, die sieht doch richtig sympathisch aus“, erwidere ich scheinheilig. „Wer soll das schon sein?“, wirft er ein, sein Desinteresse spuckt er förmlich bei jedem Wort in den Raum. „Eine blöde Wichtigtuerin“, schiebt er noch nach. Nun bin ich doch etwas beleidigt, das trifft mich jetzt persönlich. Die Musikwelle spielt einen Schlager aus den Achtzigerjahren und besingt die unsterbliche Liebe, ich muss mir dazu seine Gehässigkeit anhören. Ich ziehe die Maske runter, nehme die Zeitung und halte sie neben meinen Kopf. „Finde zehn Unterschiede“, fordere ich ihn auf. Er kneift die Augen zusammen, rückt mit dem Kopf vor, kramt umständlich seine ebenfalls trübe Lesebrille hervor, schaut nochmals. Er betrachtet die Zeitung, dann mich, dann wieder die Zeitung. Er ahnt, dass ich etwas erwarte, aber beim besten Willen nicht was. Ich merke, es wird ihm unangenehm, er spürt die Erwartungshaltung meinerseits. Ich lasse ihn nicht vom Haken, bis er sagt: „Die in der Zeitung ist jedenfalls hübscher“. Wunder Punkt? Mitnichten, ich breche in schallendes Gelächter aus, das Ehepaar weiss nicht, was der Grund meines Amüsements ist. Etwas konsterniert schauen sie einander an, im Gleichklang ihrer Ratlosigkeit und ihrem Unverständnis. Ihr bleibt der Mund offenstehen. Er schaut noch finsterer drein, auch wenn ich diese Steigerung nicht für möglich gehalten hätte. „Alles gut“, beruhige ich das Ehepaar, immer noch lachend und mache mich an die Verbände, die die Frau braucht.
Bei meinem nächsten Einsatz merke ich gleich bei der Begrüssung, dass da nicht nur Rauch in der Luft liegt. Etwas hat sich verändert, ich werde es gleich herausfinden. Mein Instinkt sagt mir, dass der Mann gleich zum Angriff übergehen wird. Er beobachtet mich wie die Wildkatze ihre potenzielle Beute, bereit zum Sprung. Und wirklich, ich kann nicht einmal meine Taschen abstellen, legt er schon los: „Sie haben ein Buch geschrieben“. Es ist keine neutrale Feststellung, es ist ein Vorwurf. „Aha, doch noch die Zeitung gelesen?“ frage ich. Er nickt schlechtgelaunt und fragt: „Kommen wir darin auch vor?“. „Nein“, antworte ich, „möchten Sie denn gerne vorkommen?“. „Über uns gibt es nichts zu schreiben“, blafft er, sie doppelt nach: „Ich wüsste nicht was“. „Ich schon“, erwidere ich. „Was denn?“, fragt er. Ich triumphiere, ich habe ihn erreicht. Es ist unser erster Dialog, ich habe die Grunzschwelle überwunden. Das erste Mal, dass er mir eine Frage stellt. „Ich würde gerne über Sie beide schreiben, weil Sie so aus der Zeit gefallen sind“, sage ich und blicke in vier ratlose, fragende Augen. „Sie haben ihre Wohnung seit Jahren nicht verändert, Sie leben ohne jegliches Gesundheitsbewusstsein, Sie rauchen, als gäbe es kein Morgen, Sie blenden die Aussenwelt aus, Sie hinterfragen nichts und Sie, jetzt schaue ich den Mann an, scheinen mir das Schicksal besonders herauszufordern“. „Wir sind nicht aus der Zeit gefallen, wir waren noch nie drin“, sagt der Mann, „wir brauchen nichts zu ändern. Seit der Hund gestorben ist, ist die einzige Freude weg. Und ich werde rauchen, bis es mich endlich umbringt, ich möchte schon lange sterben“. Ich schaue die Frau an, sie zuckt mit den Schultern. Nichts zu machen, signalisiert sie mir. Ich schaue wieder zum Mann, versuche das Gehörte zu verstehen oder mindestens einzuordnen. Dabei lasse ich mir Zeit. „Schreiben Sie nur, schreiben Sie über mein Scheissleben, schon als Gof war ich nicht erwünscht, dann einen Scheissjob, Ärzte die mich verpfuscht und ruiniert haben, es ist kein Leben so“, quillt es aus ihm hervor. „Da kann ich mich ruhig zu Tode rauchen. Aber nicht einmal das funktioniert“.
Das ist jetzt auch für mich starker Tubak – jetzt werden meine Augen fragend. Ich frage durch Fixieren seines Blickes. „Ja, schreiben Sie dies nur alles auf“, ergänzt er seine Kurzfassung eines verpfuschten Lebens in gehässigem Ton. „Ich schreibe lieber fröhliche Geschichten als traurige“, entgegne ich, mangels Alternativen. „Das ist es ja, das regt mich sowieso auf, Ihre Fröhlichkeit. Es gibt nichts zu Fröhlichen, machen Sie einfach Ihre Arbeit und basta“. Touché – einer meiner wunden Punkte ist getroffen. Habe ich eine Grenze überschritten, die ich hätte beachten müssen? Habe ich seine Trauer zu wenig gespürt, ihm mit meiner Fröhlichkeit etwas gespiegelt das er ablehnt oder nicht kennt oder nicht kennen will? Wurde er, je fröhlicher ich bin, desto ärgerlicher? Habe ich ihn an die Wand „gefröhlicht“? Bin ich der Grund für seine Übellaunigkeit?
Ich erwarte nicht, dass mich alle großartig finden. Ich weiss, dass ich meine Schwächen habe. Aber verurteilt zu werden für Fröhlichkeit? Würde es helfen, wenn ich mich seiner Stimmung anpassen würde? Muss ich, möchte oder könnte ich das? Nein, ich kann mich so wenig ändern wie er. Ich starte zum Gegenangriff und meiner Verteidigung: „Sie möchten also, dass ich ähnlich übellaunig bin wie Sie, damit Sie in ihrer schlechten Stimmung bleiben können?“, frage ich. „Nein“, erwidert er, „nur nicht so fröhlich, einfach normal“. Aha, einfach normal, als ob ich wüsste was normal ist, in einer Zeit, in der weltpolitisch alles erlaubt und normal gerade krass verschoben wird. „Könnte es sein, dass ihr Leben unter anderem nicht ganz so optimal verlaufen ist, weil Sie erwarten, dass sich die Menschen um Sie herum ändern, damit Sie nichts ändern müssen? Damit Sie in ihrem Missmut bleiben können? Ist es das, was Sie stört?“. Die fragenden Augen haben wieder die Seite gewechselt. Er denkt nach, ich verrichte meine Arbeit schweigend, der Frau steht der Mund immer noch offen, sie mag nichts dazu sagen.
Beim Abschied, unter der Türe, fragt der Mann: „Schreiben Sie jetzt über mich?“. „Ich glaube schon“, sage ich, „wenn Sie es erlauben? Aber ganz sicher nicht fröhlich, das gibt keine fröhliche Geschichte – versprochen!“. „Das ist gut“, sagt der Mann, „die Menschen sollen nur wissen, dass nicht alles gut ist“. „Ich glaube, das wissen sie schon“, wage ich einzuwerfen. „Soll ich den Menschen Mut machen, sich ihrem Unglück nicht einfach so zu ergeben, sich aufzulehnen und zu versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen?“, frage ich. „Machen Sie, was sie wollen, ihren Scheiss lese ich sowieso nicht“. Sagt`s und knallt die Türe zu. Ich bin getroffen.
Zum Glück saugt der Mundschutz die überquellende Flüssigkeit aus meinen Augen auf.
Keine Glanzleistung, keine Sternstunde, keine Spitexperle. Wunde Punkte hüben und drüben. Vor allem hüben.
Ich habe mir nie konkrete Gedanken gemacht, wie ein Buch entsteht, höchstens ungeduldig auf die Neuerscheinungen meiner Lieblingsautor:innen gewartet. Und gedacht, sie könnten etwas vorwärts machen. Was für eine ignorante, hochnäsige Haltung. Ich entschuldige mich im Geist für all dieses verwerfliche Gedankengut. Und ziehe den Hut vor allen Verleger:innen, Graphiker:innen und Lektor:innen. Und am allermeisten vor denen, die die Bücher dann in den Buchhandlungen unterbringen müssen. Und natürlich vor allen Schreibenden und den Menschen, die ebendiesen Vertrauen entgegenbringen.
Panik kam zum ersten Mal auf, als mir ein Freund schrieb, dass „man dich beim Orellfüssli am Bellvue in Zürich lesen kann“. Da wurde mir schlagartig klar, dass meine Geschichten meine Obhut verlassen haben. Zürich ist für uns Berner Oberländer:innen weit abgelegen, für alles nach dem Grauholz pflegen wir den Pass mitzunehmen. Zürich ist etwas anderes als Zweilütschinen, die Geschichten haben das Tal endgültig verlassen. Nach dieser Nachricht suchte ich bei nächster Gelegenheit eine Buchhandlung auf, und fragte nach meinem Buch. „Ich möchte das Buch der wunde Punkt“, erklärte ich. Die Buchhändlerin tippt in Windeseile mit überlangen Nägeln den Titel ein und fragt: „Ah, der wunde Punkt. Die Kunst nicht unglücklich zu sein?“ Ich werde sofort zutiefst unglücklich, es gibt also noch ein Buch mit dem gleichen Titel. „Äh nein“ stottere ich und verstumme. „Wie hieß der Autor nochmal?“, fragt sie hilfsbereit. „Die Autorin heisst Kohler“, sage ich, Kohler tönt nach nichts, ist so gewöhnlich, hätte ich nur meinen Namen behalten, denke ich, und bin nicht mehr überzeugt von meinem Plan, mein eigenes Buch zu kaufen. „Da finde ich leider nichts“, sagt sie und schaut jetzt auch betrübt drein. Ich rapple mich ein letztes Mal auf. „Kohler mit o-h?“. „A-ha“ sagt sie und tippelt wieder. „Jetzt hab ich`s, das Buch von dieser Wundärztin?“ Sie strahlt übers ganze Gesicht. Ich bin am Boden zerstört und flüstere schon fast: „Ich glaube es ist eine Pflegende“. Nun erlischt ihr Strahlen auch und sie sagt, dass das Buch erst Anfang März erscheint. Ob ich es vorbestellen möchte. „Nein danke, ich komme später wieder“. Ich flüchte aus der Buchhandlung und gestehe mir sofort ein, dass dies keine Glanzleistung war. Dass die Buchhändlerin immerhin schon einmal geübt hat, mein Buch zu suchen, ist ein schwacher Trost. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, ein Buch drucken zu lassen. Ich bekomme Angst, was mit meinen Geschichten passiert. Habe ich etwas nicht bedacht? Jemanden verletzt? War ich bei den Schilderungen nicht präzise genug? Was, wenn niemand mein Buch will? Was, wenn an der Vernissage niemand kommt? Was, wenn zu viele kommen? Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es gilt auszuhalten. In dieser Disziplin war ich noch nie gut.
Als sich erste Zeitungen melden und das Regionaljournal für einen Interviewtermin anfragt, gerate ich in Schnappatmung. Zuerst wird vorsichtig am Telefon sondiert, ob ich mehrere Sätze einigermaßen zusammenhängend formulieren kann, dann werde ich für Studioaufnahmen nach Bern bestellt. Vor dem Mikrophon, das mit dem gleichen schwarzen Schaumstoff wie das Niederdrucktherapieset ausgestattet ist, wird mir ein bisschen wohler. Etwas Vertrautes – wenigstens. Soll der Schaumstoff wohl meine Spucke aufnehmen? Dämpfen? Druck ausgleichen? Gewebewachstum anregen? Was, wenn meine Nase, die ich an den Schaumstoff pressen soll, plötzlich noch größer wird als sie ohnehin schon ist?
Der Moderator will Geschichten, wie sie in meinem Alltag geschehen, er wirkt interessiert und fragt nach, am Schluss wäre ich gut in Fahrt. Sicher auf vertrautem Terrain unterwegs. Dann ist es leider schon fertig. Der Journalist gibt sich bedeckt. Bei der anschließenden Suche nach einem geeinigten Fotoplatz laufen wir durch die Stadt und sprechen über die bevorstehende Abstimmung und die Schließung der Medikamentenproduktion der Bichsel AG in Interlaken. Wir teilen uns die Betroffenheit bei beiden Themen. (Letzteres ist eine lokale und vielleicht auch nationale Katastrophe – bei Ersterem hoffen wir auf einen glimpflichen Ausgang). Die Fotofindung gestaltet sich schwierig, Licht und Schatten und wohl auch ein allzu faltiges Modell erschweren die Aufgabe. Wer meint, Radio sei ein Medium fürs Gehör, irrt gewaltig.
Der nächste Termin ist ein Treffen mit einem Journalisten in Interlaken. Auch hier, ein wohlwollendes Gespräch. Ich freue mich über das ehrliche Interesse an meiner Arbeit, dass ich einstehen darf für den Beruf der Wundexpert:innen und die Spitex. Beide haben eine starke Lobby verdient, ich genieße die mediale Aufmerksamkeit. Und ganz ehrlich, mal so für eine Stunde im Mittelpunkt zu stehen, hat etwas Aufbauendes.
Ganz sicher bin ich aber auch nach diesem Tag nicht, ob ich nicht besser im Januarloch geblieben wäre. Abends im Bett stellen sich wieder Zweifel ein. Wer sich hinauslehnt wird auch angreifbar – und da bin ich empfindlich. Meine wunden Punkte bewirtschafte ich am liebsten selbst! Und schon taucht einer auf. Nennt mich doch der Radiomoderator in der ausgestrahlten Sendung eine „Wundheilerin“. Dabei habe ich mich explizit von diesem Titel distanziert und ausgeführt, das töne wie „Pferdeflüsterin“. Er hat gelacht und voilà: mindestens zweimal erwähnt er „Wundheilerin“. Dafür hätte er die Halbierungsinitiative verdient, denke ich und steigere meinen Ärger und Blutdruck in die Höhe. Nur um das klarzustellen – ich sehe mich nicht als Wundheilerin. Ich darf Menschen mit Wunden unterstützen, darf Teil eines Behandlungsteams sein, und bei all dem, heilt manchmal die Wunde sogar ab.
Es ist nicht mein letztes Erstaunen, ich muss zur Kenntnis nehmen, dass Medien Prioritäten setzen, wo ich sie nicht unbedingt so gesehen haben. Je nach gewünschtem Effekt wird ein harmloser Satz herausgepickt und ist dann prominent und fett hervorgehoben. Wenn die sozialen Medien diesen Satz dann liken, bin ich stolz, wenn sie ihn abstrafen, möchte ich ihn nicht so gesagt haben, beziehungsweise fange ich an mich zu erklären. Beides etwas kurzsichtig und ver-klärend. Ich lerne, sobald die Buchstaben mein Büro oder meinen Mund verlassen, sind sie der Interpretation ausgeliefert.
Trotz allem, wird mir der Stellenwert der Sozialen – und Printmedien bewusst, ohne sie würden sich meine Verkaufszahlen wahrscheinlich in bescheidenem Mass halten. Mit ihnen vielleicht auch, aber das liegt dann nicht an den Medien, sondern an meinem Buch. Jedenfalls danke ich allen Medienschaffenden für Ihr Interesse und für die «Förderung» einer unbekannten Autorin. Es freut mich, dass ihr nicht halbiert wurdet!
Freuen würde mich auch, wenn Ihr, liebe Leser:innen, die Buchhandlungen stürmt, und ihre Risikobereitschaft das Buch einer Unbekannten an Lager zu nehmen, unterstützt. Lasst den «wunden Punkt» nicht zu einem meiner wunden Punkte werden. Ich danke euch!
Das Buch

» zum Verlag
Die Autorin

An der Fachhochschule absolvierte sie den Master in Wound Care. Nebenbei arbeitet sie freiberuflich als Fachdozentin an verschiedenen Institutionen und ist Vizepräsidentin der SAfW. In der Eidgenössischen Kommission für Analysen, Mittel und Gegenstände (EAMGK) vertritt sie die Pflege.
Sie lebt im Berner Oberland und versorgt dort Menschen mit Wunden, auch in den abgelegensten Bergtälern. Sie hat sich mit Kopf und Herz dem Thema Wundversorgung verschrieben und liebt die Menschen und ihre Geschichten. Mit ihrem Humor kann sie von ihrem Alltag berichten, manchmal auch mit einer Prise Ironie.
e.kohler@safw.ch